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Der Trommelwirbel
1981
Wir spielten am Nationaltheater Mannheim die Dreigroschenoper. Pianist
und zugleich Chef unseres Orchesters war der Tausendsassa Franz Wittenbrink.
Der lustige Franke Willi Haselbek bediente die Posaune, der alte Hase
Ralf Dietze schlug die Trommeln, die Querflötistin Cornelia strickte
wann
immer sie konnte. Martin Bärenz basste und neben zwei Studenten an
Klarinette und Trompete
spielte ich das Banjo. Nach ungefähr 80 Aufführungen war die
Atmosphäre sehr locker und einige nutzten unsere Spielpausen zum
Lesen, Häkeln oder kurzen Ausflügen in die Kantine.
Mir war das zu riskant, ich blieb lieber in Position, es konnte ja mal
was Unvorhergesehenes
passieren. Und so saß ich ziemlich vereinsamt im Orchestergraben
und ergötzte mich an den Brecht`schen Finessen als mir auffiel, dass
das Stichwort für einen Trommelwirbel unaufhaltsam näherrückte.
Von Ralf keine Spur, wahrscheinlich war er in der Kantine um Erfrischungen
zu sich zu nehmen.
Es ratterte in meinem Kopf: Was tun, wenn er nicht kommt? Jetzt hörte
ich eilige Schritte in Kellergang. Aber es war zu spät, das konnte
er nicht mehr schaffen. Ich setzte mich auf den Schlagzeugerstuhl, nahm
die Stöcke in die Hand und da fiel auch schon das Stichwort.
Der erste Trommelwirbel meines Lebens kam laut und stockend, ich erschrak
vor mir selber:
Ein laienhaftes Gestochere auf der kleinen Trommel, weit entfernt von
Ralfs Spielkunst.
Man spürte die Verunsicherung der Schauspieler. Zum Glück konnte
mich im Orchestergraben
keiner sehen. Trotzdem schämte ich mich. Nach der Vorstellung gab
es Riesenärger,
die Schauspieler beschwerten sich in Unkenntnis der Sachlage heftig bei
Ralf.
Ob er betrunken gewesen sei oder sie provozieren wollte. Von unprofessionellem
Verhalten und Sabotage war die Rede. Ralf war ein stolzer Musiker, die
Schelte traf ihn empfindlich in seiner Berufsehre. Aber er musste die
Prügel für mich einstecken. Hätte er seine Absenz zugegeben,
wäre er rausgeflogen. Und so konnte ich mich in dem Gefühl sonnen,
durch mein beherztes
Eingreifen einen Kollegen vor dem Rausschmiss bewahrt zu haben,
während dieser die Konsequenzen zu tragen hatte und mir noch dankbar
sein musste.
Wie schön!
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